Skip to main content

28.03.2025 | Originalien

Störendes Zuschauen bei Rettungseinsätzen: wer, wann, wo und wie?

Empirische Erkenntnisse aus einer Mixed-Methods-Erhebung

verfasst von: Denis C. Martin, Daniela Knuth, Prof. Dr. Marisa Przyrembel

Erschienen in: Notfall + Rettungsmedizin

Einloggen, um Zugang zu erhalten

Zusammenfassung

Störungen durch „Schaulustige“ während Rettungsarbeiten werden kritisch und emotional diskutiert. Aktuelle empirisch gesicherte Daten zu tatsächlichem Ausmaß und Qualität des Problems gibt es bislang nicht. An dieser Stelle setzt diese Mixed-Methods-Studie mit über 15 Monate erhobenen Daten aus 10 Bundesländern an. In den Analysen repräsentativer Bevölkerungsbefragungen (N = 1032 bzw. N = 1012), Interviews mit Rettenden (N = 48), Einsatz- (N = 281) sowie Wochenprotokollen (N = 39) stellt sich heraus, wie häufig Menschen bei Rettungsmaßnahmen zusehen und welchen Zusammenhang es zu Alter, Geschlecht, Einsatzorten und -indikationen gibt. Tendenziell sehen eher jüngere Personen aus einiger Entfernung zum Unglücksort zu, unmittelbar am Einsatzort tun dies eher Männer. Smartphones und soziale Medien verstärken die Wahrnehmung des Problems. Aus Einsatzprotokollen lässt sich jedoch ablesen, dass Probleme im Zusammenhang mit Zuschauenden selten sind. In knapp 50 % der abgefragten Wochen wurde kein einziger Einsatz mit störenden Zuschauenden registriert. Vorwiegend finden Einsätze mit störenden Zuschauenden im öffentlichen Raum statt (v. a. bei Unfällen, Bränden, psychiatrischen Notfällen). Meist sehen 1–5 Personen zu. Fotografiert bzw. gefilmt wird deutlich seltener. 2 % der Teilnehmenden an der Bevölkerungsbefragung wurden selbst als Betroffene während Rettungsmaßnahmen fotografiert oder gefilmt. Einen Zusammenhang zwischen Anzahl der Zuschauenden und Gemeindegröße lassen die Daten nicht erkennen. Selbst wenn das Ausmaß von Störungen an Einsatzorten insgesamt gering zu sein scheint, sollen basierend auf diesen Ergebnissen künftig Präventionsangebote passgenau entwickelt und ein zeitgemäßer Umgang mit Zuschauenden gefördert werden.

Graphic abstract

Fußnoten
1
Minimaler Notfalldatensatz zur Dokumentation der prähospitalen Notfallrettung.
 
2
Für die Wachen im Land Berlin wurden zur Zuordnung der Gemeindegrößenklasse jeweils die Einwohnendenzahlen für die Ortsteile Berlins, in denen sich die Wachen befinden, zugrunde gelegt, um die Vergleichbarkeit mit dem Einsatzgebiet von Rettungswachen in kleineren Gemeinden herzustellen.
 
3
Diese Abfrage fand nur einmal, zu t2, statt.
 
4
Unter dieser Kategorie wurden folgende Einsatzindikationen nach MIND3.1 zusammengefasst: 01 Bewusstsein, 02 Atmung, 03 Herz-Kreislauf, 04 Schädigung mit Wirkung auf Vitalfunktion, 15 Schuss‑, Stich‑, Hiebverletzung an Kopf, Hals, Rumpf, 17 unmittelbar einsetzende oder stattgehabte Geburt sowie 18 Vergiftungen. Des Weiteren wurden dieser Kategorie 34 offene Nennungen, beispielsweise Schmerzen, Infarkte, innere Blutungen, Schwindel oder Übelkeit, hinzugefügt.
 
Literatur
2.
Zurück zum Zitat Bundesregierung (2020) Entwurf eines … Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuches – Verbesserung des Persönlichkeitsschutzes bei Bildaufnahmen. Drucksache 19:17795 Bundesregierung (2020) Entwurf eines … Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuches – Verbesserung des Persönlichkeitsschutzes bei Bildaufnahmen. Drucksache 19:17795
4.
Zurück zum Zitat Gasch B, Lasogga F (2011) Zuschauer. In: Lasogga F, Gasch B (Hrsg) Notfallpsychologie. Springer, Berlin, Heidelberg, S 357–361CrossRef Gasch B, Lasogga F (2011) Zuschauer. In: Lasogga F, Gasch B (Hrsg) Notfallpsychologie. Springer, Berlin, Heidelberg, S 357–361CrossRef
5.
Zurück zum Zitat Gasch U, Weber L (2017) Gaffen 4.0 – Schneller auf YouTube als im Rettungswagen! Kriminalistik: 572–578 Gasch U, Weber L (2017) Gaffen 4.0 – Schneller auf YouTube als im Rettungswagen! Kriminalistik: 572–578
8.
Zurück zum Zitat Metreveli S (1979) Beobachtung des Verhaltens am Unfallort. Untersuchungen zum Rettungswesen: Bericht 5. Bundesanstalt für Straßenwesen, Köln Metreveli S (1979) Beobachtung des Verhaltens am Unfallort. Untersuchungen zum Rettungswesen: Bericht 5. Bundesanstalt für Straßenwesen, Köln
11.
Zurück zum Zitat Przyrembel M, Schönfeld A (2024) „Ich bin Lea und Notfallsanitäter.“ Männliche Berufsbezeichnungen im Rettungsdienst. Rettungsdienst 47:12–16 Przyrembel M, Schönfeld A (2024) „Ich bin Lea und Notfallsanitäter.“ Männliche Berufsbezeichnungen im Rettungsdienst. Rettungsdienst 47:12–16
12.
Zurück zum Zitat Puhan T (1992) Ablauf von Notfalleinsätzen im Rettungsdienst. Untersuchungen zum Rettungswesen: Bericht 30. Bundesanstalt für Straßenwesen, Bergisch Gladbach Puhan T (1992) Ablauf von Notfalleinsätzen im Rettungsdienst. Untersuchungen zum Rettungswesen: Bericht 30. Bundesanstalt für Straßenwesen, Bergisch Gladbach
13.
Zurück zum Zitat Schwind H‑D, Roitsch K, Gielen B, Gretenkordt M (1998) Alle gaffen–keiner hilft: unterlassene Hilfeleistung bei Unfällen und Straftaten. Hüthig, Heidelberg Schwind H‑D, Roitsch K, Gielen B, Gretenkordt M (1998) Alle gaffen–keiner hilft: unterlassene Hilfeleistung bei Unfällen und Straftaten. Hüthig, Heidelberg
15.
Zurück zum Zitat Staller M, Koerner S (2023) Sicherheit im Einsatz – Schulung von Multiplikatoren in Deeskalation und Gewaltprävention, Erfassung und Analyse von empirischen Daten zur Gewalt gegen Rettungskräfte (SiEGeR). Institut für Professionelles Konfliktmanagement, Langen Staller M, Koerner S (2023) Sicherheit im Einsatz – Schulung von Multiplikatoren in Deeskalation und Gewaltprävention, Erfassung und Analyse von empirischen Daten zur Gewalt gegen Rettungskräfte (SiEGeR). Institut für Professionelles Konfliktmanagement, Langen
18.
Zurück zum Zitat Steiner M, Pumberger A, Resch A et al (2014) Evaluation Rettungsgasse. Österreichischer Verkehrssicherheitsfonds (VSF) im. Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie, Wien Steiner M, Pumberger A, Resch A et al (2014) Evaluation Rettungsgasse. Österreichischer Verkehrssicherheitsfonds (VSF) im. Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie, Wien
Metadaten
Titel
Störendes Zuschauen bei Rettungseinsätzen: wer, wann, wo und wie?
Empirische Erkenntnisse aus einer Mixed-Methods-Erhebung
verfasst von
Denis C. Martin
Daniela Knuth
Prof. Dr. Marisa Przyrembel
Publikationsdatum
28.03.2025
Verlag
Springer Medizin
Erschienen in
Notfall + Rettungsmedizin
Print ISSN: 1434-6222
Elektronische ISSN: 1436-0578
DOI
https://doi.org/10.1007/s10049-025-01517-4